Schreibblockade

Was die Pest für das Mittelalter war, ist die Schreibblockade für den heutigen Studenten: das Schlimmste, was passieren kann, der reine Horror. Ganze Generationen von Hochschülern befällt diese ernstzunehmende Erkrankung und der ein oder andere ist sich nahezu sicher, dass sie ihn dahinrafft. Allerdings gibt es für die Infizierten Hoffnung: So wie die moderne Medizin dem schwarzen Tod mit Antibiotika den Garaus gemacht hat, hat die angewandte Psychologie einige Tricks auf Lager, wie Sie den leeren Blättern den Kampf ansagen können.

Die schlechte Nachricht möchte ich Ihnen allerdings auch nicht vorenthalten: Mit einer Spritze ist es bei diesem Leiden dummerweise nicht getan. Sie werden sich schon etwas mehr plagen müssen! Den Kampf gegen die schier endlose weiße Wüste auf ihrem Computerbildschirm müssen sie an zwei Fronten führen. Da ist zum einen mal Ihr Kopf und zum anderen schlichtweg die Technik, wie Sie die Seiten voll bekommen.

Fangen wir mit dem schwierigeren Teil an, der Einstellung. Das Schlimmste, was dem Hausarbeitenschreiber, Diplomanden, Doktoranden etc. befallen kann, ist der Perfektionismus. „Ich muss eine Eins kriegen!“ „Ich darf keinen Fehler machen!“ „Wenn die Arbeit keine Spitzenleistung wird, dann kann ich meine Karriere an den Nagel hängen!“ u.s.w. Jeder kennt diese Gedanken und jeder kennt ihren Effekt: Sie sitzen vor der leeren Seite wie das Kaninchen vor der Schlange und in der Regel passiert verdammt wenig oder schlichtweg überhaupt nichts. Wenn Sie aus der Falle noch herauskommen wollen, hilft nur eins, nämlich den Perfektionismus durch einen besseren Ratgeber zu ersetzen, den Fatalismus. Oder anders ausgedrückt: Finden Sie sich damit ab, dass Ihre Zeilen nicht der Weisheit letzter Schluss sein werden! Stellen Sie sich das bitte aber nicht zu einfach vor, denn der Perfektionismus ist ein zäher Gegner und wehrt sich auch dann noch, wenn sie schon längst denken, Sie hätten Ihn erfolgreich unter die Erde gebracht.

Aber wie sieht dieser praktische Fatalismus jetzt konkret aus? Und wie sollen Sie Ihre Gedanken und Einstellungen verändern? Das Wichtigste bei der Angelegenheit ist wahrscheinlich, dass Sie sich immer wieder klar machen, dass sie für Ihre Arbeit all das getan haben, was Sie tun konnten. Und Sie müssen akzeptieren, dass Sie eben nicht alles im Griff haben: Es kann sein, dass Ihrem Professor Ihr Stil eben nicht 100-prozentig gefällt, dass Sie den ultimativen Artikel zu Ihrem Thema nicht gefunden haben und dass Sie nicht jeden Tag mit voller Kraft arbeiten können. Wenn Sie lernen, das ganze Projekt auf diese Art und Weise anzugehen, dann haben Sie in jedem Fall gute Ausgangsvoraussetzungen geschaffen, sich mit freiem Kopf und guten Erfolgsaussichten auf die vor Ihnen liegende Aufgabe zu stürzen.

Aber Vorsicht: Fatalismus ohne Handwerkszeug ist wie Samba ohne Rio, eben nur die halbe Miete. Auch beim Schreiben selbst gibt es ein paar Kniffe, die Sie nicht außer Acht lassen sollten, wenn Sie sich das Leben nicht unnötig schwer machen wollen. Der folgende Fünf-Punkte-Plan kann sehr hilfreich sein, eine anstehende schriftliche Arbeit effizient und ohne größere Schäden für das Nervenkostüm zu überstehen.

1. Schritt: Gliederung in Frageform
Nehmen Sie sich Ihre Gliederung für die anstehende Arbeit vor und formulieren Sie die einzelnen Punkte in Frageform: Welche inhaltliche Fragestellung wollen Sie in einem bestimmten Textabschnitt beantworten? Wenn Sie genau wissen, welche Frage Sie wo in Ihrer Arbeit behandeln wollen, dann ist auch die Gefahr kleiner, dass Sie sich irgendwo in Ihrem eigenen Text verlieren und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.

2. Schritt: Antwort in Stichpunkten
Wenn Sie sich sicher sind, wie genau die Einzelfragen lauten, auf die Sie sich im Laufe Ihrer Arbeit stürzen wollen, dann beantworten Sie sie Abschnitt für Abschnitt und zwar zuerst in Stichworten. So können Sie überprüfen, ob Ihre bisherigen Informationen ausreichen, die jeweilige Frage zu beantworten und Sie vermeiden wochenlanges „Am-Thema-Vorbei-Schreiben“.

3. Schritt: Die Rohfassung
Sobald Sie dann die Informationen zusammen haben, geht es zum ersten Mal an den Text. Aber Achtung: Das ist noch nicht die Endfassung, sondern der erste Entwurf! Diese Fassung ist noch nicht für die Ewigkeit bestimmt und muss auch nicht druckreif sein. Formulieren Sie die Stichworte nur aus, und schreiben Sie am Besten die erste Fassung einfach herunter. Die Ästhetik kommt später in den Text. Und noch etwas: Lassen Sie das Geschriebene einfach drei bis vier Tage in der Schublade liegen. Etwas Abstand kann nicht schaden!

4. Schritt: Das Tuning
Jetzt geht es langsam um den Feinschliff. Sie können Ihre erste Fassung wieder hervorkramen und an ihr herumbasteln, aber übertreiben Sie es bitte nicht, denn es gilt das Motto: Sie wollen nicht den Nobelpreis für Literatur sondern ein Diplom!

5. Schritt: Die Korrektur Wenn Sie Ihr Werk dann so weit vollendet haben, geben Sie es einem kritischen Leser zum Gegenlesen. Aber seien Sie auch hier auf der Hut: Einem Perfektionisten Ihr geliebtes Schriftstück in die Hände zu drücken, wird Sie in der Regel mehr Nerven kosten als es Nutzen bringt. Deshalb ist es besser, die Arbeit einem Pragmatiker anzuvertrauen, der Sie zwar auf Schwachstellen hinweist, aber nicht gleich eine neue Arbeit mit Ihnen schreiben will.

© Sebastian Niestroj

Hier also die ersten Akutmaßnahmen zur Bekämpfung der Seuche Schreibblockade. Sollten diese ersten Notfallmaßnahmen nicht ausreichen, die schlimmsten Symptome in den Griff zu bekommen, dann wenden Sie sich ruhig an einen Psychologen Ihres Vertrauens … ehe Sie noch ein paar Monate vor einem leeren Bildschirm sitzen!

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